Selbstbehauptung und Selbstschutz im Beruf

Selbstbehauptung im Konflikt mit Kunden

Wer beruflich mit Kunden, Klienten, Patienten oder Gästen zu tun hat, kennt Momente, in denen Worte an ihre Grenze kommen. Jemand lässt sich trotz aller Bemühungen nicht mehr erreichen, überschreitet mit seinem Verhalten eine klare Grenze, oder eine Situation wird bedrohlich. Selbstbehauptung und Selbstschutz sind die dritte Stufe unseres Kontinuums der Gewaltprävention: der Punkt, an dem es um Haltung, Klarheit und die eigenen Grenzen geht, in Sprache und Körperhaltung, und wo nötig auch um den eigenen körperlichen Schutz.

Wann Selbstbehauptung nötig wird

Konfliktkommunikation und Deeskalation setzen dort an, wo ein Gegenüber grundsätzlich noch erreichbar ist. Beide verfolgen dieselbe Grundhaltung, nämlich zugewandt und unterstützend zu bleiben, um gemeinsam mit dem Gegenüber eine Lösung zu finden. Diese Haltung stösst an eine klare Grenze, sobald eine Person die Kontrolle über sich verliert und nicht mehr erreichbar ist, oder sobald ihr Verhalten selbst zum Problem wird, etwa durch übergriffige, sexualisierte, rassistische oder diskriminierende Äusserungen gegenüber Mitarbeitenden. Ab diesem Punkt geht es nicht mehr darum, das Problem des Gegenübers zu lösen, sondern darum, sein Verhalten klar zu benennen und einzugrenzen. Das ist der Moment, in dem Selbstbehauptung beginnt.

Was Selbstbehauptung ausmacht

Selbstbehauptung ist die Fähigkeit, die eigenen Grenzen zu kennen, klar zu benennen und für sie einzutreten, bis hin zu ihrer Verteidigung, wenn die Situation es verlangt. Anders als bei Konfliktkommunikation und Deeskalation steht dabei die eigene psychische und körperliche Integrität im Vordergrund, nicht die Lösung des Problems des Gegenübers. Das ist mehr als eine andere Tonlage, es ist eine andere Grundhaltung.
Diese Verschiebung ernst zu nehmen ist entscheidend, weil eine Verwechslung der Phasen die Situation verschärfen kann. Wer in einem Moment, in dem eine Person durch Deeskalation noch erreichbar wäre, bereits mit harten Grenzen auftritt, riskiert, dass die Lage erst recht eskaliert. Wer umgekehrt weiter zu beschwichtigen versucht, wenn klare Grenzen nötig wären, erhöht die eigene Gefährdung erheblich. Selbstbehauptung ist zudem kein Alles oder Nichts. Sie reicht von einer weichen, andeutenden Grenze bis zu einer klaren, unmissverständlichen roten Linie, die nicht verhandelbar ist.

Wen es betrifft

Selbstbehauptung betrifft grundsätzlich alle, die im beruflichen Alltag Kunden, Klienten, Patienten oder Gästen begegnen, welche die Kontrolle über sich selbst verlieren. Besonders wichtig ist sie für Mitarbeitende, die exponierten Situationen ausgesetzt sind, etwa in der Alleinarbeit, im Schichtbetrieb, im Umgang mit bereits als aggressiv bekannten Personen oder in besonders risikobehafteten Berufen wie Sicherheit, Behörden oder Blaulichtorganisationen. Auch wer beruflich allein unterwegs ist, etwa nachts in wenig belebten Gebieten oder Parkhäusern, ohne auf rasche Unterstützung zählen zu können, gehört zu dieser Gruppe.

Die Elemente der Selbstbehauptung

Grenzen klar benennen und halten

Ein klares Nein auszusprechen, ohne zu zögern, ohne schlechtes Gewissen und ohne das Gegenüber dabei anzugreifen, ist eine eigene Fähigkeit. Gerade Mitarbeitende in sozialen und pflegenden Berufen tun sich teilweise schwer, Grenzen überhaupt klar aufzuzeigen. Andere wiederum setzen Grenzen auf eine Art, die herablassend oder beleidigend wirkt. Beides schwächt die eigene Position oder verschlimmert die Situation. Die richtige Wortwahl, Stimmlage und Körpersprache müssen zur Situation passen, weder zu weich noch unnötig hart.

Körpersprache und Distanz wahren

Sowohl die emotionale als auch die körperliche Distanz zum Gegenüber spielen eine zentrale Rolle. Wer eine Person bedrängt oder ungewollt berührt, kann eine ruhige Situation innert Sekunden zum Kippen bringen. Selbstbehauptung bedeutet deshalb auch, den eigenen Raum und den des Gegenübers bewusst zu steuern.

Situationsbewusstsein

Nur wer erkennt, in welcher Phase sich eine Situation befindet, kann rechtzeitig zwischen unterstützendem und grenzsetzendem Verhalten wechseln. Diese Aufmerksamkeit für die Situation ist genauso wichtig wie die richtige innere Haltung und die passenden Verhaltenskompetenzen selbst.

Eine Aufgabe der Organisation, nicht nur des Einzelnen

Es kann nicht der Hauptauftrag von Mitarbeitenden im Kunden, Klienten oder Patientenkontakt sein, sich selbst physisch zu schützen. Kommt es regelmässig zu körperlichen Übergriffen oder Drohungen, braucht es zwingend technische und organisatorische Massnahmen, und die Organisation braucht ein betriebliches Gewaltschutzkonzept.

Selbstbehauptung entlastet Mitarbeitende in vielen Situationen, sie ersetzt aber keine organisationale Verantwortung. Diese Verantwortung, Regeln, Ausbildung und Rückendeckung, wird im Beitrag zum betrieblichen Gewaltschutzkonzept vertieft.

Was auf dem Spiel steht, wenn Selbstbehauptung fehlt

Fehlt Mitarbeitenden die Fähigkeit, ihre Grenzen zu wahren, wirkt sich das direkt auf ihre psychische und teils auch körperliche Gesundheit aus. Wer wiederholt erlebt, keine Grenzen setzen zu können, verliert an Selbstsicherheit, zieht sich zurück oder fällt aus. Für Unternehmen ist das nicht nur ein Fürsorgethema, sondern ein handfestes Risiko, von Absenzen über Fluktuation bis zu einer Fürsorgepflicht, die im Ernstfall auch rechtlich relevant wird.

Schnittstelle zu Selbstverteidigung

Selbstschutz meint den Schutz vor verbalen und, wo nötig, auch vor körperlichen Übergriffen. Selbstverteidigung ist damit kein Gegensatz zur Selbstbehauptung, sondern für einen Teil der Mitarbeitenden ein sinnvoller Bestandteil davon. Für die meisten Mitarbeitenden im Kunden-, Gäste- oder Patientenkontakt liegt der Schwerpunkt auf Haltung, Sprache und Distanz.

Für bestimmte Rollen ist ein körperliches Selbstverteidigungstraining trotzdem eine sinnvolle Ergänzung, etwa in der Alleinarbeit, im Umgang mit bereits gewalttätig aufgefallenen Personen oder in besonders exponierten Berufen wie Sicherheit, Behörden oder Blaulichtorganisationen.

Innerhalb der Selbstverteidigung unterscheiden wir zwischen reaktivem und proaktivem Verhalten. Reaktiv heisst, auf eine Handlung des Gegenübers zu reagieren, auszuweichen oder sich zu lösen, wenn man festgehalten wird. Proaktiv bedeutet, aktiv in eine tätliche Auseinandersetzung einzugreifen, was in bestimmten Situationen die einzige sinnvolle Antwort sein kann. Beides sind eigene, gezielt trainierte Fertigkeiten und Gegenstand eines eigenen, vertiefenden Beitrags, nicht dieses Überblicks.

Allein das Wissen, sich im Ernstfall zur Wehr setzen zu können, gibt vielen Menschen eine spürbare Sicherheit und hilft, auch unter grossem Druck handlungsfähig zu bleiben. Dieser Effekt stellt sich oft schon durch das Training selbst ein, unabhängig davon, ob die Fertigkeiten je gebraucht werden.

Wo Selbstbehauptung an ihre Grenzen stösst

Wird eine Situation tatsächlich körperlich, jemand packt, berührt ungewollt oder greift an, ist die Grenze der Selbstbehauptung überschritten. Dann zählt nur noch, die Situation so schnell wie möglich zu beenden und den Ort zu verlassen. Für die wenigen Berufsgruppen, bei denen das regelmässig vorkommen kann, ist ein eigenes Selbstverteidigungstraining sinnvoll, für alle anderen ist die richtige Antwort ein funktionierendes betriebliches Gewaltschutzkonzept.

Themen, die wir in weiteren Beiträgen vertiefen

Selbstbehauptung ist breit genug für mehrere vertiefende Beiträge. Folgende Themen sind als eigene Artikel angedacht und werden von hier aus verlinkt, sobald sie vorliegen:

  • Selbstverteidigung für besonders exponierte Berufsgruppen: wann ein eigentliches Training sinnvoll ist und für wen.
  • Reaktive und proaktive Abwehrreaktionen: der Unterschied zwischen Ausweichen und Eingreifen, und wann welche Antwort richtig ist.
  • Körperliche Übergriffe am Arbeitsplatz verhindern: Prävention, bevor es so weit kommt.
  • Klare Grenzen setzen, ohne zu verletzen: die richtige Tonlage in schwierigen Situationen.
  • Alleinarbeit und Sicherheit: Schutz für Mitarbeitende ohne unmittelbare Rückendeckung.

Weiterbildung Selbstbehauptung

Unsere Weiterbildung „Selbstbehauptung“ vermittelt Ihren Mitarbeitenden, die eigenen Grenzen klar zu vertreten und wenn nötig mit Nachdruck durchzusetzen, ruhig und professionell statt aggressiv.

Häufig gestellte Fragen

Selbstbehauptung ist die Fähigkeit, Grenzen klar zu benennen und für sie einzutreten, vor allem über Haltung, Sprache und Körpersprache. Selbstverteidigung setzt erst dort an, wo eine Situation tatsächlich körperlich wird.

Sobald eine Person nicht mehr erreichbar ist oder ihr Verhalten selbst die Grenze überschreitet, etwa durch übergriffige oder diskriminierende Äusserungen. Dann geht es nicht mehr um eine gemeinsame Lösung, sondern um klare Grenzen.

Nein, für die meisten Mitarbeitenden im Kunden oder Patientenkontakt reichen Selbstbehauptung und ein funktionierendes betriebliches Gewaltschutzkonzept. Ein eigentliches Training ist vor allem für besonders exponierte Rollen sinnvoll.

Priorität hat, die Situation zu beenden und den Ort zu verlassen. Für Berufsgruppen, bei denen das häufiger vorkommen kann, ist ein spezifisches Training sinnvoll, für die Organisation als Ganzes zählt ein funktionierendes Gewaltschutzkonzept.

Die einzelnen Mitarbeitenden tragen sie im konkreten Moment selbst, die Organisation trägt sie durch Ausbildung, klare Regeln und ein funktionierendes Gewaltschutzkonzept.

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